Schon im vierten Jahrtausend vor Christus, als im Süden Mesopotamiens die ersten Städte der Welt entstanden, erzählten die Menschen dort von Göttern, die Himmel und Erde voneinander trennten, den Menschen aus Lehm formten und eine vernichtende Flut über das Land sandten. Die sumerische Mythologie ist die älteste schriftlich überlieferte Götterwelt der Menschheit, entstanden in jener Region zwischen Euphrat und Tigris, in der auch die erste Schrift erfunden wurde. Viele ihrer Motive – die große Flut, der Abstieg in die Unterwelt, der König auf der Suche nach Unsterblichkeit – kehren in späteren Kulturen des Vorderen Orients, in der Bibel und in der griechischen Überlieferung in veränderter Gestalt wieder, oft Jahrtausende nachdem sie zum ersten Mal auf Ton festgehalten wurden.
Die sumerischen Götter waren dabei keine fernen, abstrakten Mächte, sondern Herren konkreter Städte, die in prächtigen Tempeln wohnten, täglich gespeist und gekleidet wurden und über das Schicksal ihrer Bewohner bestimmten. Zugleich ist die Überlieferung dieser Mythen von besonderen Schwierigkeiten geprägt: Viele Texte sind nur bruchstückhaft erhalten, zahlreiche Erzählungen kennen wir allein aus Abschriften, die entstanden, als Sumerisch längst keine gesprochene Sprache mehr war, und die Verwandtschaftsverhältnisse der Götter wechselten je nach Stadt und Epoche erheblich. Wer die sumerische Mythologie verstehen will, muss daher stets zwischen gesichertem Wissen und moderner Rekonstruktion unterscheiden.
Sumer: Die Welt der ersten Städte
Das Land Sumer lag im Süden des heutigen Irak, in der fruchtbaren, aber von Überschwemmungen und Dürre gleichermaßen bedrohten Schwemmlandebene zwischen Euphrat und Tigris. Hier entstanden im vierten Jahrtausend vor Christus Städte wie Uruk, Ur, Eridu, Nippur, Lagasch und Kisch, die über Jahrhunderte als unabhängige Stadtstaaten nebeneinander bestanden und miteinander um Wasser, Land und Vorherrschaft rangen. In Uruk wurde um 3200 vor Christus die Keilschrift entwickelt, zunächst als Werkzeug der Tempelverwaltung zur Erfassung von Getreide, Vieh und Arbeitskräften. Erst allmählich wurde sie auch für religiöse und literarische Texte genutzt; die ältesten erhaltenen literarischen Tafeln stammen aus der Zeit um 2600 vor Christus aus Fundorten wie Fara und Abu Salabikh.
Der größte Teil der heute bekannten Mythen ist jedoch nicht in diesen frühen Fassungen erhalten, sondern in Abschriften aus der altbabylonischen Zeit um 1800 vor Christus. Damals war Sumerisch als Alltagssprache bereits vom semitischen Akkadischen verdrängt, wurde aber in den Schreiberschulen, dem sogenannten Tafelhaus, als Sprache der Gelehrsamkeit und des Kultes weiter gepflegt – vergleichbar dem Latein im mittelalterlichen Europa. Tausende Tontafeln aus Nippur und Ur bewahren diese Schulabschriften. Wiederentdeckt wurde die sumerische Kultur erst im späten neunzehnten Jahrhundert durch Ausgrabungen wie jene im antiken Girsu, und erst im zwanzigsten Jahrhundert konnten Sumerologen die großen Mythen zusammenhängend lesen.
- Dingir – Sumerisches Wort und Zeichen für „Gott“, in der Keilschrift als Stern vor jeden Götternamen gesetzt.
- Me – Göttliche Satzungen und Ordnungskräfte, die alle Bereiche der Zivilisation vom Königtum bis zum Handwerk regelten.
- Zikkurat – Gestufter Tempelturm, auf dessen Spitze das Heiligtum der Stadtgottheit lag.
- Anunna – Sammelbezeichnung für die großen Götter, vermutlich etwa „Nachkommen des An“.
- Kur – Die Unterwelt, ein dunkles, freudloses Land ohne Wiederkehr unter der Herrschaft der Ereschkigal.
Die großen sumerischen Götter
An der Spitze der sumerischen Götterwelt stand An, der Himmelsgott, dessen Name zugleich das Wort für Himmel war. Er galt als Urvater vieler Götter und als Quelle königlicher Autorität, blieb in den Mythen jedoch eine eher ferne, selten handelnde Gestalt; sein Hauptheiligtum lag in Uruk. Die eigentliche Führung des Pantheons lag bei Enlil, dem Herrn der Luft und des Windes, dessen Tempel Ekur in Nippur als religiöses Zentrum ganz Sumers galt und der die Schicksale von Göttern und Menschen festlegte. Ihm zur Seite standen Enki, der Gott des Süßwassers, der Weisheit und der Magie aus Eridu, der den Menschen in zahlreichen Erzählungen wohlgesonnen ist, sowie die Muttergöttin Ninhursag, die unter mehreren Namen als Herrin der Geburt verehrt wurde.
Unter den übrigen sumerischen Göttern ragen vor allem vier Gestalten heraus. Inanna, Göttin der Liebe, der Sexualität und des Krieges, verkörperte zugleich den Venusstern und war die Schutzgöttin von Uruk mit ihrem Tempel Eanna; sie ist die mit Abstand am häufigsten besungene Gottheit der sumerischen Literatur. Nanna, der Mondgott, herrschte über die Stadt Ur, sein Sohn Utu, der Sonnengott, wachte als Richter über Recht und Gerechtigkeit. Die Unterwelt regierte Ereschkigal, die ältere Schwester der Inanna. Die Verwandtschaftsverhältnisse schwanken jedoch je nach Text erheblich: Inanna gilt mal als Tochter des Nanna, mal als Tochter des An – ein Hinweis darauf, dass die Genealogien lokale Traditionen verbanden, statt ein einheitliches System abzubilden.
Götter als Herren der Städte
Das auffälligste Merkmal der sumerischen Religion ist die enge Verbindung zwischen Gottheit und Stadt. Jede Stadt galt als Eigentum ihres Schutzgottes, der König oder Stadtfürst lediglich als dessen Verwalter auf Erden. Im Zentrum erhob sich der Tempel, häufig auf einer gestuften Terrasse, der Zikkurat; die berühmteste, die Zikkurat von Ur, wurde um 2100 vor Christus unter König Ur-Nammu errichtet. Im Inneren wohnte die Gottheit in Gestalt ihres Kultbildes, das täglich mit Speisen und Getränken versorgt, gewaschen und gekleidet wurde. Tempel waren zugleich gewaltige Wirtschaftsbetriebe mit eigenen Feldern, Herden und Werkstätten, sodass Religion und Versorgung der Bevölkerung untrennbar miteinander verflochten waren.
Das Weltbild dahinter lässt sich an einem zentralen Begriff ablesen: den Me, jenen göttlichen Satzungen und Kräften, die sämtliche Bereiche der Zivilisation ordneten – vom Königtum und Priesteramt über Handwerk und Musik bis hin zu Recht, Krieg und sogar Täuschung. In einer bekannten Erzählung besucht Inanna den Gott Enki in Eridu, der ihr bei einem Festmahl in trunkener Großzügigkeit die Me überlässt; als er wieder nüchtern wird und sie zurückfordern lässt, hat Inanna sie bereits mit dem Himmelsboot nach Uruk gebracht. Der Mythos erklärt anschaulich, warum Uruk als Stadt der Kultur galt, und zeigt zugleich, dass die Ordnung der Welt selbst als göttlicher Besitz verstanden wurde, der von Stadt zu Stadt wandern konnte.
Sumerische Götter in verbreiteter Überlieferung
Urzustand
Nammu – das Urmeer
Himmel und Erde
♥
Ki – Erde
Die großen Götter
Luft, Schicksal · Nippur
Süßwasser, Weisheit · Eridu
Muttergöttin, Geburt
Sonne, Gerechtigkeit
Liebe, Krieg · Uruk
Herrin der Unterwelt
Genealogien variieren je nach Stadt und Epoche – Inanna gilt auch als Tochter des An, Enki als Sohn von An und Nammu
Schöpfung und Erschaffung des Menschen
Eine einzige, zusammenhängende Schöpfungserzählung wie die Theogonie Hesiods kennt die sumerische Mythologie nicht. Die Vorstellungen über den Anfang der Welt finden sich verstreut in Einleitungen zu anderen Texten. Demnach stand am Anfang das Urmeer, verkörpert durch die Göttin Nammu, aus dem Himmel und Erde als verbundene Einheit hervorgingen. Erst später wurden sie getrennt: An trug den Himmel davon, Enlil die Erde, wie es der Prolog der Dichtung von Gilgamesch, Enkidu und der Unterwelt schildert. Ein anderer Text, das Lied von der Hacke, schreibt Enlil zu, Himmel und Erde mit seiner Hacke voneinander geschieden zu haben – ausgerechnet mit jenem Werkzeug, das für die Feldarbeit stand, von der das Leben in Sumer abhing.
Auch die Erschaffung des Menschen folgt einem charakteristischen Gedanken. In der Erzählung von Enki und Ninmah klagen die Götter über die mühsame Arbeit, Kanäle zu graben und Felder zu bestellen. Auf Anraten der Nammu formt Enki gemeinsam mit den Geburtsgöttinnen den Menschen aus dem Lehm über dem Süßwasserozean Abzu, damit dieser den Göttern die Last der Arbeit abnehme. Bei einem anschließenden Festmahl wetteifern Enki und Ninmah miteinander: Ninmah erschafft Menschen mit körperlichen Einschränkungen, und Enki findet für jeden von ihnen eine angemessene Aufgabe in der Gesellschaft. Der Mensch erscheint so als Diener der Götter, dessen Daseinszweck in der Versorgung der Tempel lag – ein Gedanke, der die gesamte mesopotamische Religion prägen sollte.
Inannas Abstieg in die Unterwelt
Die berühmteste Erzählung der sumerischen Mythologie ist der Gang der Inanna in die Unterwelt. Aus Gründen, die der Text nur andeutet, beschließt die Göttin, in das Reich ihrer Schwester Ereschkigal hinabzusteigen, und weist zuvor ihre treue Dienerin Ninschubur an, Hilfe zu holen, falls sie nicht zurückkehre. An jedem der sieben Tore der Unterwelt muss Inanna ein Stück ihres Schmucks oder ihrer Gewänder ablegen, bis sie schließlich nackt vor ihrer Schwester steht. Die Richter der Unterwelt, die Anunna, richten den Blick des Todes auf sie, und Inannas Leichnam wird an einen Haken gehängt. Die Unterwelt selbst, Kur genannt, erscheint in den sumerischen Texten als dunkles, freudloses Land, aus dem es für gewöhnlich keine Rückkehr gibt.
Nachdem Enlil und Nanna jede Hilfe verweigert haben, greift Enki ein: Aus dem Schmutz unter seinen Fingernägeln erschafft er zwei Wesen, die in die Unterwelt schlüpfen und Inanna mit Lebensspeise und Lebenswasser wiederbeleben. Doch wer die Unterwelt verlässt, muss einen Ersatz stellen. Zurück in Uruk findet Inanna ihren Gemahl, den Hirtengott Dumuzi, prächtig gekleidet auf dem Thron, statt um sie zu trauern – und bestimmt ihn zu ihrem Stellvertreter. Am Ende wird festgelegt, dass Dumuzi und seine Schwester Geschtinanna jeweils ein halbes Jahr in der Unterwelt verbringen. Die Erzählung wird häufig mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden und gilt als eines der ältesten Beispiele für das Motiv des sterbenden und wiederkehrenden Gottes.
| Gottheit | Zuständigkeit und Kultort | Akkadischer Name und Nachwirkung |
|---|---|---|
| An | Himmel, formal höchster Gott, Uruk | Anu, Quelle königlicher Autorität |
| Enlil | Luft, Wind und Schicksal, Tempel Ekur in Nippur | Ellil, später vom babylonischen Marduk überragt |
| Enki | Süßwasser, Weisheit und Magie, Eridu | Ea, Helfer der Menschen in Flut- und Schöpfungsmythen |
| Inanna | Liebe, Krieg und Venusstern, Tempel Eanna in Uruk | Ischtar, eine der wichtigsten Göttinnen des Alten Orients |
| Nanna | Mond, Ur | Sin, Mondgott der Babylonier und Assyrer |
| Utu | Sonne und Gerechtigkeit, Sippar und Larsa | Schamasch, Schutzgott des Rechts |
| Ereschkigal | Herrin der Unterwelt Kur | Unter gleichem Namen weiterverehrt |
Ziusudra, Gilgamesch und das Erbe der sumerischen Götter
Zu den folgenreichsten sumerischen Überlieferungen gehört die Erzählung von der großen Flut. Nach einer fragmentarisch erhaltenen Tafel aus Nippur beschließen die Götter, die Menschheit durch eine Flut zu vernichten; Enki jedoch warnt den frommen König Ziusudra, der in einem großen Boot sieben Tage und Nächte übersteht und anschließend mit ewigem Leben im fernen Land Dilmun belohnt wird. Auch die sumerische Königsliste gliedert die Geschichte in eine Zeit vor und nach der Flut. Eng damit verbunden ist die Gestalt des Gilgamesch, eines Königs von Uruk, der möglicherweise um 2700 vor Christus tatsächlich regierte und dessen Taten in mehreren sumerischen Einzeldichtungen besungen wurden, bevor sie später zum akkadischen Gilgamesch-Epos zusammenwuchsen, in dem die Flutgeschichte erneut auftaucht.
Mit dem Ende der sumerischen Stadtstaaten verschwanden ihre Götter keineswegs. Akkader, Babylonier und Assyrer übernahmen das Pantheon und gaben seinen Mitgliedern neue Namen: Inanna wurde zu Ischtar, Enki zu Ea, Nanna zu Sin und Utu zu Schamasch. Fast zwei Jahrtausende blieb Sumerisch die heilige Sprache der Gelehrten, und zahlreiche Motive fanden über die Kulturen des Vorderen Orients ihren Weg in spätere Überlieferungen, darunter die biblische Sintflutgeschichte. In jüngerer Zeit wurden sumerische Götter, insbesondere die Anunna, in pseudowissenschaftlichen Büchern als außerirdische Besucher gedeutet – eine Vorstellung, für die es in den Keilschrifttexten keinerlei Grundlage gibt. Die tatsächliche sumerische Mythologie ist ohne solche Zutaten faszinierend genug: als ältestes erhaltenes Zeugnis menschlichen Nachdenkens über Götter, Tod und Ordnung.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zur sumerischen Mythologie
Was ist die sumerische Mythologie?
Die sumerische Mythologie umfasst die religiösen Erzählungen der Sumerer, die ab dem vierten Jahrtausend vor Christus im Süden Mesopotamiens lebten. Sie gilt als älteste schriftlich überlieferte Mythologie der Welt mit literarischen Keilschrifttexten ab etwa 2600 vor Christus; die meisten Mythen sind jedoch aus Abschriften um 1800 vor Christus bekannt.
Wer waren die wichtigsten sumerischen Götter?
Zu den wichtigsten sumerischen Göttern zählen der Himmelsgott An, der Götterkönig Enlil, der Weisheits- und Wassergott Enki und die Muttergöttin Ninhursag. Daneben waren Inanna als Göttin der Liebe und des Krieges, der Mondgott Nanna, der Sonnengott Utu und die Unterweltsherrin Ereschkigal von großer Bedeutung.
Gibt es in der sumerischen Mythologie eine Sintflut?
Ja. Nach einer fragmentarisch erhaltenen Tafel aus Nippur warnt der Gott Enki den König Ziusudra vor einer von den Göttern beschlossenen Flut. Ziusudra überlebt in einem Boot und erhält danach ewiges Leben. Die Erzählung lebt später im akkadischen Atrahasis-Mythos und im Gilgamesch-Epos weiter.
Waren die Anunnaki Außerirdische?
Nein. In den Keilschrifttexten bezeichnet Anunna eine Gruppe großer Götter, später auch Götter der Unterwelt. Die in pseudowissenschaftlichen Büchern verbreitete Deutung als außerirdische Besucher findet in den Quellen keinerlei Grundlage und wird von der Altorientalistik einhellig zurückgewiesen.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf sumerischen Keilschrifttexten, insbesondere Inannas Gang in die Unterwelt, Enki und Ninmah, der sumerischen Fluterzählung und den sumerischen Gilgamesch-Dichtungen, die überwiegend in altbabylonischen Abschriften erhalten sind, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altorientalistik und Sumerologie. Viele Texte sind nur fragmentarisch überliefert, und die Genealogien der Götter variieren zwischen Städten und Epochen erheblich. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026