Wenn heute von germanischen Göttern die Rede ist, denken viele zuerst an Odin, Thor und Loki aus den isländischen Sagas. Doch lange bevor die Edda im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurde, verehrten die Germanen in Mitteleuropa ihre eigenen Götter: Wotan, den weisen und unheimlichen Göttervater, Donar, den Donnergott, Frījō, die Gemahlin Wotans, und den alten Himmelsgott Ziu. Der Stammbaum der germanischen Götter verbindet diese Gestalten zu einer Familie und reicht zurück bis zu den Ursprungsmythen, die der römische Historiker Tacitus vor fast zweitausend Jahren aufzeichnete. Er erzählt von einem erdgeborenen Gott namens Tuisto, von seinem Sohn Mannus und von dessen drei Söhnen, die zu Stammvätern der Germanen wurden. Zugleich zeigt er, wie eng die germanische Mythologie mit den Göttern der Wikinger, mit römischen Vorstellungen und mit Bräuchen verbunden ist, die bis heute in unseren Wochentagen fortleben.
Einen vollständigen Stammbaum der germanischen Götter hat uns allerdings niemand hinterlassen. Die Germanen schrieben ihre Mythen nicht auf, und was wir über ihre Götter wissen, stammt aus verstreuten Zeugnissen: aus römischen Berichten, aus wenigen Zaubersprüchen und Inschriften, aus christlichen Abschwörungsformeln und aus späteren Königslisten. Vieles lässt sich nur mithilfe der besser überlieferten nordischen Mythologie erschließen. Dieser Beitrag zeigt, was über die Familie der germanischen Götter gesichert ist und was auf Rekonstruktion beruht. Er stellt zunächst die Quellen vor und erzählt den Ursprungsmythos von Tuisto und Mannus. Danach geht es um die Götter an der Spitze des Stammbaums: Ziu, Wotan, Frījō und Donar. Es folgen weitere Gestalten wie Balder, Volla und Nerthus, die Matronen des Rheinlands und die Königsgeschlechter, die sich auf Wotan zurückführten. Zum Schluss geht es um das Erbe der germanischen Götter bis heute.
Germanische Mythologie: Was wir wissen und was nicht
Als Germanen bezeichnete man in der Antike eine Vielzahl von Stämmen, die östlich des Rheins und nördlich der Donau lebten, darunter Sueben, Sachsen, Franken, Alemannen, Langobarden und Friesen. Eine einheitliche Religion mit festem Pantheon besaßen sie vermutlich nicht. Jeder Stamm verehrte eigene Gottheiten, und dieselben Götter konnten von Region zu Region unterschiedliche Züge tragen. Hinzu kommt das Quellenproblem: Die germanische Mythologie des Festlands ist nur bruchstückhaft überliefert, während die Mythen Skandinaviens in der Edda ausführlich erhalten sind, allerdings aus einer viel späteren Zeit. Seit Jacob Grimm, der 1835 seine einflussreiche „Deutsche Mythologie“ veröffentlichte, versuchen Forscher deshalb, die Götterwelt der Germanen mithilfe nordischer, angelsächsischer und römischer Quellen zu rekonstruieren. Auch der Stammbaum der germanischen Götter ist das Ergebnis einer solchen Rekonstruktion. Er beruht auf sicheren Belegen, wird aber an vielen Stellen durch Vergleiche mit verwandten Überlieferungen ergänzt.
Die Quellen zum Stammbaum der germanischen Götter
Die ältesten Nachrichten über germanische Götter stammen von Römern. Gaius Iulius Caesar behauptete um 50 vor Christus, die Germanen verehrten nur Götter, die sie sehen könnten, nämlich Sonne, Mond und Feuer. Weit ausführlicher ist die „Germania“ des Tacitus aus dem Jahr 98 nach Christus. Er berichtet, die Germanen verehrten vor allem Merkur, dem sie an bestimmten Tagen sogar Menschenopfer darbrächten, daneben Herkules und Mars. Die Römer setzten fremde Götter gewohnheitsmäßig mit eigenen gleich, ein Verfahren, das Tacitus selbst als interpretatio romana bezeichnete. Hinter Merkur verbirgt sich mit großer Wahrscheinlichkeit Wotan, hinter Herkules Donar und hinter Mars der Kriegs- und Himmelsgott Tiwaz, den die Alemannen später Ziu nannten. Tacitus überliefert zudem den Ursprungsmythos von Tuisto und Mannus sowie die Namen einzelner Göttinnen wie Nerthus. Seine Angaben sind wertvoll, beruhen aber auf Berichten aus zweiter Hand und spiegeln den Blick eines Römers auf eine fremde Welt.
Aus dem germanischen Raum selbst stammen nur wenige, aber umso kostbarere Zeugnisse. Der zweite Merseburger Zauberspruch, im 10. Jahrhundert niedergeschrieben und 1841 in der Dombibliothek von Merseburg entdeckt, nennt Wodan, Frija, ihre Schwester Volla, Sunna, Sinthgunt und Balder. Die Ursprungssage der Langobarden erzählt von Wodan und seiner Gemahlin Frea. Auf einer Gewandspange aus Nordendorf bei Augsburg aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stehen in Runen die Namen Wodan und Wigithonar, in dem man Donar erkennt. Ein sächsisches Taufgelöbnis aus der Zeit der Missionierung verlangte von den Täuflingen, Thunaer, Woden und Saxnot abzuschwören. Angelsächsische Königslisten führen zahlreiche Herrscher auf Woden zurück. Hinzu kommen Hunderte lateinischer Weihinschriften aus den römischen Provinzen am Rhein, die germanische Göttinnen nennen, sowie die Namen unserer Wochentage. Aus all diesen Bruchstücken lässt sich der Stammbaum der germanischen Götter in Umrissen rekonstruieren.
- Ursprung – Der erdgeborene Gott Tuisto und sein Sohn Mannus nach Tacitus.
- Stammväter – Die drei Söhne des Mannus, Ahnen der Ingwäonen, Herminonen und Istwäonen.
- Göttervater – Wotan (Wodan, Woden), bei Tacitus als Merkur gedeutet.
- Gemahlin – Frījō (Frija, Frea), Schwester der Volla.
- Donnergott – Donar (Thunaer), bei Tacitus als Herkules gedeutet.
- Alter Himmelsgott – Ziu (Tiwaz), bei den Römern als Mars gedeutet.
- Weitere Gestalten – Balder, Sunna, Sinthgunt, Ingwaz, Nerthus, Irmin und Saxnot.
- Menschliche Nachkommen – Angelsächsische Königshäuser mit Woden als Ahnherrn.
Der Ursprung: Tuisto, Mannus und seine drei Söhne
An den Anfang des Stammbaums der germanischen Götter stellt Tacitus einen Gott namens Tuisto. In alten Liedern, so berichtet er, feierten die Germanen Tuisto, einen aus der Erde geborenen Gott, und seinen Sohn Mannus als Ursprung und Begründer ihres Volkes. Der Name Tuisto wird meist mit dem Zahlwort für „zwei“ verbunden und als „der Zweifache“ oder „der Zwitter“ gedeutet. Manche Forscher sehen darin ein zweigeschlechtliches Urwesen, ähnlich dem nordischen Urriesen Ymir, aus dessen Körper ohne Partnerin die ersten Riesen hervorgingen. Mannus bedeutet schlicht „Mensch“ und erinnert an Manu, den Stammvater der Menschheit in der altindischen Überlieferung. Diese Parallelen legen nahe, dass der Ursprungsmythos der Germanen auf sehr alte indogermanische Vorstellungen zurückgeht. Er verbindet Erde, Gott und Mensch in einer einzigen Abstammungslinie. Am Beginn der germanischen Mythologie stehen damit nicht Kämpfe, sondern die Geburt eines Gottes aus der Erde und die Entstehung des ersten Menschen.
Mannus hatte nach Tacitus drei Söhne, von deren Namen sich drei große Gruppen der Germanen ableiteten: die Ingwäonen an der Küste der Nordsee, die Herminonen im Landesinneren und die Istwäonen im Westen. Ihre Namen werden mit drei Stammvätern verbunden, deren Gestalten teilweise auch in späteren Quellen auftauchen. Hinter den Ingwäonen steht Ingwaz, der im angelsächsischen Runengedicht als Ing erscheint und in Skandinavien mit dem Fruchtbarkeitsgott Yngvi-Freyr verschmolz. Die Herminonen werden mit Irmin verbunden, einem Gott oder Helden, dessen Name in der Irminsul fortlebt, dem heiligen Baumstamm der Sachsen. Der Stammvater der Istwäonen bleibt dagegen rätselhaft. Tacitus fügt hinzu, manche hielten weitere Söhne des Mannus für die Ahnherren der Marser, Gambrivier, Sueben und Vandalen. Der Stammbaum der germanischen Götter verbindet sich hier unmittelbar mit der Geschichte der Germanen. Die Götter waren die Ahnen der Stämme, und jeder Stamm verstand sich als Nachkomme göttlicher Vorfahren.
Die Götter an der Spitze des Stammbaums
Ziu: Der alte Himmelsvater
Der älteste Gott an der Spitze des Stammbaums der germanischen Götter war wohl Tiwaz, den die Alemannen Ziu nannten, die Angelsachsen Tiw und die Skandinavier Tyr. Sein Name geht auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück wie der griechische Zeus und der römische Jupiter und bedeutete ursprünglich „Gott“ oder „Himmel“. Viele Forscher nehmen daher an, dass Tiwaz einst der oberste Himmelsvater der Germanen war, bevor Wotan ihn verdrängte. Die Römer setzten ihn mit Mars gleich, dem Gott des Krieges. Am Hadrianswall in Britannien weihten friesische Soldaten im 3. Jahrhundert einem Mars Thingsus einen Altar, also einem Gott der Volksversammlung, des Things. Daraus entwickelte sich vermutlich unser Wochentag Dienstag, während im Alemannischen der „Zischtig“ direkt an Ziu erinnert. Tacitus berichtet zudem von einem heiligen Hain der Semnonen, in dem ein „Herrscher über alles“ verehrt wurde. Ob damit Tiwaz oder Wotan gemeint war, ist umstritten.
Wotan: Der Göttervater der Germanen
Im Laufe der Zeit wurde Wotan zur mächtigsten Gestalt unter den germanischen Göttern. Sein Name lautete im Althochdeutschen Wuotan, bei den Langobarden Godan oder Wodan, bei den Angelsachsen Woden und im Norden Odin. Er wird meist mit einem Wort für Raserei, Ekstase und dichterische Begeisterung verbunden. Wotan war der Gott der Magie, der Weisheit, des Krieges und der Toten, ein Wanderer zwischen den Welten. Tacitus deutete ihn als Merkur, den Gott der Wege und Seelengeleiter, und berichtete, ihm würden die größten Opfer gebracht.
Im zweiten Merseburger Zauberspruch ist es Wodan, der als mächtigster Zauberer das verrenkte Bein eines Fohlens heilt. Auch auf der Spange von Nordendorf erscheint sein Name in Runen. Im Stammbaum der germanischen Götter nimmt Wotan die Rolle des Allvaters ein, auf den Götter, Helden und Könige ihre Abstammung zurückführten. In der Volksüberlieferung lebte er in der Wilden Jagd fort, dem nächtlichen Totenheer, das im Mittelalter als „Wuotes Heer“ bekannt war.
Frījō: Die Gemahlin Wotans
An Wotans Seite stand seine Gemahlin, deren Namen man urgermanisch als Frījō rekonstruiert. Im Althochdeutschen hieß sie Frija, bei den Langobarden Frea, bei den Angelsachsen Frig und im Norden Frigg. Ihr Name bedeutet wohl „die Geliebte“ oder „die Gattin“. Frījō galt als Göttin der Ehe, des Hauses und der Mütter und besaß zugleich große Klugheit. Das zeigt die berühmte Ursprungssage der Langobarden, die damals noch Winniler hießen und den Vandalen in einer Schlacht gegenüberstanden. Wodan hatte versprochen, dem Volk den Sieg zu schenken, das er bei Sonnenaufgang zuerst sehe. Frea riet den Frauen der Winniler, sich die Haare wie Bärte vor das Gesicht zu binden, und drehte Wodans Lager nach Osten. Als Wodan erwachte, fragte er erstaunt, wer diese Langbärte seien, und musste ihnen den Sieg gewähren. Im Merseburger Zauberspruch erscheint Frija zusammen mit ihrer Schwester Volla. Nach Frījō ist bis heute der Freitag benannt.
Donar: Der Donnergott
Der beliebteste Gott der Germanen war vielleicht Donar, im Norden Thor, bei den Angelsachsen Thunor und bei den Sachsen Thunaer genannt. Sein Name bedeutet „Donner“. Donar galt als Herr des Gewitters, als Schützer gegen feindliche Mächte und als Spender von Regen und Fruchtbarkeit. Tacitus setzte ihn mit Herkules gleich, dem kraftvollen Helden mit der Keule. Die Römer verbanden ihn aber auch mit Jupiter, dem Herrn des Blitzes, denn der Donnerstag, der „Tag des Donar“, entspricht dem lateinischen Tag des Jupiter. Auf der Nordendorfer Spange erscheint er als Wigithonar, was oft als „weihender Donar“ gedeutet wird. Berühmt ist die Donareiche bei Geismar in Hessen, die der Missionar Bonifatius im Jahr 723 fällen ließ, um die Ohnmacht des alten Gottes zu beweisen. Ob Donar wie Thor im Norden als Sohn Wotans galt, ist für das Festland nicht ausdrücklich belegt. Im rekonstruierten Stammbaum der germanischen Götter wird er dennoch meist so eingeordnet.
Stammbaum der germanischen Götter
Ursprungsmythos nach Tacitus
↓
Tuisto – erdgeborener Gott
↓
Mannus – der erste Mensch
↓
Ingwaz
Ingwäonen an der Nordsee
Irmin
Herminonen im Binnenland
Unbekannter Ahn
Istwäonen im Westen
Göttergeneration (rekonstruiert)
Donar
Donnergott, nach nordischem Vorbild Sohn Wotans
Balder (Phol)
Im Merseburger Zauberspruch
Nerthus und Ingwaz
Fruchtbarkeitsgottheiten
Saxnot
Stammesgott der Sachsen
Langobarden (Namensgebung durch Wodan) · angelsächsische Königshäuser (Woden) · Könige von Essex (Saxnot)
Rekonstruktion nach Tacitus, Merseburger Zauberspruch, Langobardensage und nordischen Parallelen; gestrichelte Rahmen kennzeichnen unsichere Zuordnungen
Weitere Gestalten im Stammbaum der germanischen Götter
Der zweite Merseburger Zauberspruch nennt neben Wodan und Frija eine Reihe weiterer Gestalten, die das Bild der Götterfamilie erweitern. Er beginnt mit den Worten, Phol und Wodan seien in den Wald geritten, als sich das Fohlen Balders den Fuß verrenkte. Ob Phol ein eigener Gott war oder ein Beiname Balders, ist bis heute umstritten. Balder selbst ist im Norden der strahlende Sohn Odins und Friggs, und seine Erwähnung in Merseburg zeigt, dass er auch auf dem Festland bekannt war.
Weiter heißt es, Sinthgunt habe den Fuß besprochen, ebenso ihre Schwester Sunna, dann Frija, die urgermanische Frījō, und ihre Schwester Volla. Sunna ist die Sonne, die bei den Germanen weiblich gedacht wurde. Volla, die „Fülle“, entspricht der nordischen Fulla, die in der Edda als Vertraute der Frigg erscheint. So zeichnet der kurze Zauberspruch eine Götterfamilie mit Schwesternpaaren, Reitern und Zauberinnen. Er ist eines der wichtigsten Zeugnisse für die Verwandtschaften der germanischen Götter.
Andere Gestalten treten in eigenen Überlieferungen auf. Tacitus beschreibt die Göttin Nerthus, die er als „Mutter Erde“ deutet. Ihr heiliger Wagen stand in einem Hain auf einer Insel und wurde zu bestimmten Zeiten durch das Land gefahren, während überall Frieden herrschte. Ihr Name entspricht sprachlich dem nordischen Meeresgott Njörd, dem Vater von Freyr und Freyja. Viele Forscher sehen in Nerthus und Ingwaz daher festländische Vorläufer der nordischen Fruchtbarkeitsgötter, die man im Norden als Wanen bezeichnete. Bei den Sachsen wurde Saxnot verehrt, der im Taufgelöbnis neben Thunaer und Woden steht und den die Könige von Essex als Ahnherrn betrachteten. Irmin lebt in der Irminsul fort, die Karl der Große im Jahr 772 zerstören ließ. Auf Helgoland, das früher Fositesland hieß, verehrten die Friesen den Gott Fosite, der dem nordischen Forseti entspricht. Der Stammbaum der germanischen Götter erweist sich damit als vielstimmiges Geflecht regionaler Gottheiten der germanischen Mythologie.
Göttinnen im Rheinland: Die Matronen
Eine Besonderheit der germanischen Religion am Rhein waren die Matronen, Göttinnen, die meist zu dritt dargestellt wurden. Aus dem 2. und 3. Jahrhundert nach Christus sind über tausend Weihesteine erhalten, vor allem aus dem Gebiet zwischen Köln, Bonn und der Eifel, wo Germanen im Dienst Roms lebten. Die Steine zeigen drei sitzende Frauen, von denen die beiden äußeren große, haubenartige Kopfbedeckungen tragen. Ihre Beinamen sind oft germanisch, etwa die Matronae Aufaniae, die in Bonn und im Heiligtum bei Nettersheim verehrt wurden. Die Matronen galten als Schutzgöttinnen von Familien, Sippen und Orten und als Spenderinnen von Fruchtbarkeit. Daneben kennen Inschriften und römische Autoren weitere germanische Göttinnen. Nehalennia besaß Tempel an der Küste von Zeeland, das Heiligtum der Tamfana zerstörte der römische Feldherr Germanicus, und im Hain der Baduhenna besiegten die Friesen ein römisches Heer. Diese Göttinnen zeigen, wie vielfältig die germanischen Götter jenseits der großen Namen waren.
Von Wotan abstammend: Königsgeschlechter der Germanen
Der Stammbaum der germanischen Götter reichte für die Germanen selbst bis in die Gegenwart ihrer Herrscher. Wie die Ursprungssage der Langobarden zeigt, verdankten ganze Völker ihren Namen und ihren Sieg dem Eingreifen Wotans. In England führten nahezu alle angelsächsischen Königshäuser ihre Abstammung auf Woden zurück, darunter die Herrscher von Kent, Wessex, Mercia und Northumbria. Der Geschichtsschreiber Beda überliefert, dass bereits die Anführer Hengist und Horsa, die im 5. Jahrhundert nach Britannien kamen, Urenkel Wodens gewesen seien. Nur die Könige von Essex nannten stattdessen Saxnot als Ahnherrn. Spätere christliche Chronisten verlängerten diese Stammbäume sogar über Woden hinaus bis zu biblischen Gestalten wie Noah und Adam. Die göttliche Abstammung verlieh den Königen besonderes Ansehen und Heil. Selbst nach der Bekehrung zum Christentum gaben sie diese Ahnenreihe nicht auf, sondern deuteten Woden zu einem bedeutenden Menschen der Vorzeit um. So blieb Wotan auch im christlichen Mittelalter ein Teil der Geschichte der Germanen.
| Germanische Gottheit | Nordische / römische Entsprechung | Belege und Bedeutung |
|---|---|---|
| Tuisto und Mannus | Parallelen zu Ymir und Manu | Ursprungsmythos bei Tacitus |
| Ziu (Tiwaz, Tiw) | Tyr / Mars | Mars Thingsus am Hadrianswall; Dienstag, alemannisch „Zischtig“ |
| Wotan (Wodan, Woden, Godan) | Odin / Merkur | Merseburger Zauberspruch, Langobardensage, Taufgelöbnis; Wednesday |
| Frījō (Frija, Frea, Frig) | Frigg / Venus | Merseburger Zauberspruch, Langobardensage; Freitag |
| Donar (Thunaer, Thunor) | Thor / Herkules und Jupiter | Nordendorfer Spange, Taufgelöbnis, Donareiche; Donnerstag |
| Balder (Phol) | Baldr | Fohlen Balders im Merseburger Zauberspruch |
| Volla | Fulla | Schwester der Frija im Merseburger Zauberspruch |
| Sunna und Sinthgunt | Sól | Schwesternpaar im Merseburger Zauberspruch |
| Ingwaz (Ing) | Yngvi-Freyr | Ingwäonen bei Tacitus, angelsächsisches Runengedicht |
| Nerthus | Njörd (Name) / Terra Mater | Heiliger Wagen und Inselhain bei Tacitus |
| Irmin | Unsicher | Herminonen; Irminsul der Sachsen, zerstört 772 |
| Saxnot | Keine sichere Entsprechung | Sächsisches Taufgelöbnis; Ahnherr der Könige von Essex |
| Fosite | Forseti | Heilige Insel Helgoland (Fositesland) |
| Matronen | Keine direkte Entsprechung | Über tausend Weihesteine im Rheinland |
| Nehalennia, Tamfana, Baduhenna | Keine direkte Entsprechung | Regionale Göttinnen in Zeeland, bei den Marsern und Friesen |
Das Erbe der germanischen Götter
Mit der Christianisierung zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert verloren die germanischen Götter ihre Verehrung. Missionare wie Bonifatius und Willibrord fällten heilige Bäume und zerstörten Heiligtümer, und Karl der Große ließ die Irminsul vernichten. Doch die alten Götter verschwanden nicht völlig. In unseren Wochentagen leben Donar im Donnerstag, Frījō im Freitag und Ziu über den Mars Thingsus im Dienstag fort; im Englischen erinnert zudem der Wednesday an Woden. In der Volksüberlieferung zogen Wotan und sein wildes Heer noch lange durch die Winternächte, und manche Forscher sehen in Gestalten wie Frau Holle späte Nachklänge der Frija. Jacob Grimm machte die germanische Mythologie im 19. Jahrhundert zu einem Gegenstand der Wissenschaft und rekonstruierte dabei auch eine Frühlingsgöttin Ostara, deren Existenz bis heute umstritten ist. Richard Wagner verewigte Wotan, Donner und Fricka schließlich in seinem „Ring des Nibelungen“. Der Stammbaum der germanischen Götter bleibt so ein lebendiges Erbe der Germanen.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zum Stammbaum der germanischen Götter
Wie sieht der Stammbaum der germanischen Götter aus?
Der Stammbaum der germanischen Götter ist nur in Umrissen überliefert und wird teilweise rekonstruiert. Am Anfang steht nach Tacitus der erdgeborene Gott Tuisto mit seinem Sohn Mannus, dessen drei Söhne als Stammväter der Germanen galten. An der Spitze der Götterwelt standen der alte Himmelsgott Ziu, der Göttervater Wotan, seine Gemahlin Frījō und der Donnergott Donar.
Wer war Wotan?
Wotan, auch Wodan, Wuotan oder Woden genannt, war der Göttervater der Germanen und entspricht dem nordischen Odin. Er galt als Gott der Magie, der Weisheit, des Krieges und der Toten. Tacitus deutete ihn als Merkur, und im Merseburger Zauberspruch heilt er als mächtigster Zauberer ein verletztes Fohlen.
Wer war Frījō?
Frījō ist die rekonstruierte urgermanische Form des Namens der Gemahlin Wotans, die im Althochdeutschen Frija, bei den Langobarden Frea und im Norden Frigg hieß. Sie galt als Göttin der Ehe, des Hauses und der Mütter. In der Ursprungssage der Langobarden überlistet sie Wodan, und nach ihr ist der Freitag benannt.
Was ist der Unterschied zwischen germanischen und nordischen Göttern?
Die nordischen Götter sind die skandinavische Ausprägung der germanischen Götterwelt und vor allem durch die isländische Edda des 13. Jahrhunderts überliefert. Die germanischen Götter des Festlands, etwa Wotan, Donar, Frījō und Ziu, sind dagegen nur aus verstreuten römischen Berichten, Zaubersprüchen, Inschriften und Wochentagsnamen bekannt. Viele Gottheiten entsprechen einander, tragen aber unterschiedliche Namen.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel stützt sich auf die Zeugnisse zum Stammbaum der germanischen Götter, insbesondere Caesars Gallischen Krieg, die Germania und die Annalen des Tacitus, den zweiten Merseburger Zauberspruch, die Runeninschrift der Nordendorfer Spange, die Ursprungssage der Langobarden bei Paulus Diaconus, das sächsische Taufgelöbnis, Bedas Kirchengeschichte und angelsächsische Königslisten. Hinzu kommen römische Weihinschriften aus dem Rheinland und von Hadrianswall, mittelalterliche Missionsberichte sowie zum Vergleich die nordischen Quellen der Edda. Ergänzt werden sie durch anerkannte Standardwerke der germanischen Religionsgeschichte. Da kein germanischer Göttermythos des Festlands zusammenhängend überliefert ist, beruht der dargestellte Stammbaum zu großen Teilen auf wissenschaftlicher Rekonstruktion. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026